Der Zweite Blick
Eine Photo-Installation in Tsarskoe Selo, St. Petersburg, Rußland Diese Installation verbindet Zitate aus russischer Literatur mit Fotos aus vielen Reisen durch Rußland.
Gezeigt wurde sie aus Anlaß des 10jährigen Bestehens der Akademie im Treppenhaus des Zapazdnoy-Palastes, dem Sitz der Theater-Akademie Interstudio und an einigen Plätzen in der Stadt selbst.
Technik: Foto-Ausdruck auf transparenten und opaken Klebefolien

Majakowski
Ich wischt über des Werktags Karte
Farbspritzer aus dem Becher flogen;
ich wies auf kalter Schüsselschwarte
des Ozeans Kinnbacken-Wogen.
Blechfisch - von seinen Schuppen treten
Aufrufe neuer Lippen vor.
Tja, könnten Sie ein Nachtlied flöten
auf einem Wasserleitungsrohr?
Vladimir Majakowski, 1913

Fälle
Einmal aß Orlov zu viel Erbsenbrei und starb. Und als Krylow davon erfuhr, starb auch er. Und Spiridonov starb von ganz allein. Und Spiridonovs Frau fiel von der Kommode und starb ebenfalls. Und Spiridonovs Kinder ertranken im Teich. Und Spiridonovs Großmutter ergab sich dem Suff und trieb sich auf der Straße herum. Und Michajlov hörte auf sich zu kämmen und kriegte die Krätze. Und Kruglov malte eine Dame mit Knute in der Hand und wurde verrückt. Und Perechrestov bekam telegraphisch 400 Rubel und gab damit dermaßen an, daß man ihn entlassen mußte.
Lauter gute Menschen und können keinen kühlen Kopf bewahren.
Daniil Charms: Fälle, 1939

Frage
Gibt es etwas auf der Erde, das Bedeutung hätte und sogar den Gang der Ereignisse verändern könnte, nicht nur auf der Erde, sondern auch in anderen Welten? fragte ich meinen Lehrer.
Ja, antwortete mir mein Lehrer.
Und was ist das? fragte ich.
Das ist...., hob mein Lehrer an und schwieg plötzlich
Ich stand da und wartete gespannt auf seine Antwort. Und er schwieg.
Und ich stand da und schwieg.
Und er schwieg ebenfalls.
Und ich stand da und schwieg.
Und er schwieg ebenfalls.
Wir stehen beide da und schweigen.
Oh-la-la!
Wir stehen beide da und schweigen!
Olé-olé!
Ja, ja, wir stehen beide da und schweigen!
Daniil Charms: Fälle, 1939

Tolstoj
Alle glücklichen Familien gleichen einander,
jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.
Lew Tolstoi, Anna Karenina

Moskau - Petuschki
Womit hatte das alles begonnen? Alles hatte damit begonnen, daß Tichonow an das Tor des Landwirtschafts - Sowjets von Jelissejkowo seine vierzehn Thesen angeschlagen hatte. Genauer, er hat sie nicht ans Tor angeschlagen, sondern mit Kreide an den Zaun geschrieben. Eigentlich waren das auch keine Thesen, sondern Wörter, eindeutige und lapidare Wörter, und es waren auch keine vierzehn, sondern nur zwei. Aber wie dem auch sei, damit hatte alles begonnen.
Benedikt Jerofejew: Moskau - Petuschki

Der russische Riß
Der Russe ist ein ewig Ertrinkender. Jedoch kein Ertrunkener. Im Grunde ist er ein nicht zu ertränkender Ertrinkender. In gewissem Sinne ist er ein Wassermann, der nie schwimmen gelernt hat. Man wirft ihm einen Rettungsring zu, Panik, man packt ihn bei den Haaren und schleppt ihn unter grosser Anstrengung ans Ufer. Man hat ihn hingelegt, man macht Wiederbelebungsversuche. Der Russe ist schüchtern. Es ist ihm unangenehm, daß man Mühe mit ihm hat. Es ist ihm peinlich, daß er nackt ist, schlecht rasiert und überhaupt kein sehr ästhetischer Anblick. Es gefällt ihm nicht, wenn er nicht gefällt. Er wird mißtrauisch und aggressiv und zieht sich in sich zurück. Man wird ihm kein Wort der Dankbarkeit entlocken. Er hat eine angestrengte, säuerlich-bittere Aura.
Victor Jerofejew, 1991

Oblomow
Auch bis zur Stunde liebt es der Russe, inmitten der ihn umgebenden, strengen, jeder Phantasie baren Wirklichkeit an die verführerischen Märchen aus alter Zeit zu glauben, und er wird sich vielleicht noch lange nicht von diesem Glauben zu trennen vermögen.
Ivan Alexandrovitsch Gontscharov: Oblomow

Der Milizionär
Und hier das Moskau der Epoche meines Lebens
Das ist der Leninski Prospekt, das Mausoleum
Der Kreml, Wnukowo und das Bolschoi-Theater
Auf Posten steht der Milizionär
Im Frühjahr blühn hier die Parks und Gärten
Akazien, Kirschen, Apfelbaum und Flieder
Und Tulpen, Rosen, Malven, Georginen
Das Gras, die Felder, Wiesen, Wälder, Berge
Ganz oben ist der Himmel - und die Erde unten
Ganz fern sind die Chinesen, Neger und Amerikaner
Ganz nah am Herzen alle Menschen ohne Rechte
Und rundherum wächst Moskau, atmet schwer
Bis Polen, bis nach Warschau wächst es an
Bis Prag und bis Paris und bis New York
Und überall, wenn man nur richtig hinsieht
Ist Moskau, überall sind seine Völker
Wo Moskau nicht ist - ist es einfach leer
Dmitri Alexandrowitsch Prigow, 1982

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