Zweiterblick

Zweiterblick

Peredelkino

Boris Pasternak

Die kleine Stadt Peredelkino, die 1935 als Datscha-Siedlung für Schriftsteller des sowjetischen Schriftstellerverbandes gegründet wurde, gibt einen guten Eindruck von der hohen Wertschätzung, die die Schriftsteller zu dieser Zeit genossen.

Maxim Gorki hatte diese Siedlung angeregt, ging er doch davon aus, daß hier die Schriftsteller durch die schöne Landschaft angeregt, in intensiver Diskussion und Auseinandersetzung untereinander, zu großen Werken finden könnten.
So berühmte Autoren wie Isaak Babel, Ilya Ehrenburg, Lev Kassil und Boris Pasternak lebten hier, wenn auch viele dieser Autoren nur kurze Zeit hier verbringen konnten, bis sie vom stalinistischen Geheimdienst verhaftet wurden.

Pasternak

Dom Musej

Der Dichter Boris Pasternak lebte hier mit Unterbrechungen (sic) bis zu seinem Tode 1960.

Peredelkino war kein Paradies, es war auch ein Geheimnis, ein Verbannungsplatz.
Auf dem Friedhof finden sich die Gräber vieler bekannter und unbekannter Menschen.

Datscha

Pasternaks Datscha

Die Datscha an der Pavlenko-Straße, etwas von der Straße zurückgezogen, mit Blumen- und Gemüsebeeten, die Boris Pasternak selbst bestellte.

Frühling

Frühling

Frühling: und ich von draußen, wo die Pappel staunt,
Wo sich die Ferne fürchtet, wo sich sorgt das Haus
Vorm Einsturz, wo die Luft wie Wäschebündel blau,
Mit denen von Spitälern ziehn Entlassene aus.

Der Abend: eine abgebrochene Geschichte,
Fortsetzungslos von einem Stern zurückgelassen -
Ein Ausdruck bodenlos und fern von allem Lichte,
Von tausend lärmenden Augen nicht zu fassen.

Herbst

Dom Musej

Der Johannisbeere grobsamtne Blätter.
Vom Gelächter klirren die Rahmen.
Man schnipselt, säuert und pfeffert,
Legt Nelken in Marinade.

Der Wald wirft, der alte Spötter,
Diesen Lärm an den steilen Hang,
Wo die Sonne die Haselnußblätter
Wie im Feuer geröstet hat.

Hier taumelt der Weg in die Schlucht,
Dauert dich brüchiges Holz,
Von Trödler Herbst zusammengesucht
Und in die Tiefe gerollt.

Daß die Welt sich schlichter dreht,
Als mancher Schlaukopf meint,
Daß der Hain in Trauer steht
Und alles sein Ende vereint.

Daß es sinnlos ist, die Lider zu klappen,
Wenn alles vor dir zerstiebt
Und des Herbstes weiße Asche
Wie Spinnweb ins Fenster fliegt.

Der Pfad führt durch fehlende Latten,
Verliert sich im Birkenwald.
Im Hause ist Zwitschern und Lachen,
Lachen und Zwitschern im Wald.

Brief

Frühling

»Ich denke, daß es ungeachtet der Gewohnheit alles dessen, was uns weiterhin vor Augen steht und was wir weiter zu hören und zu lesen bekommen, das alles schon nicht mehr gibt, es ist vergangen, abgelaufen, eine riesige Periode, die ungeheure Kräfte gekostet hat, ist zu Ende und vorüber. Ein unermeßlich großer, einstweilen leerer, nicht besetzter Platz ist frei geworden für etwas Neues und Niedagewesenes, für etwas, das einmal von eines Menschen genialer Ungebundenheit und Frische enträtselt werden wird, für etwas, was das Leben neuer Daten und Tage eingeben und vorsprechen wird.

Die Qual der Künstler wird jetzt nicht mehr sein, ob sie anerkannt sind oder anerkannt sein werden von einer steckengebliebenen, verspäteten politischen Gegenwart oder Macht, sondern die Unfähigkeit, sich völlig loszureißen von den geläufigen Begriffen, die aufdringlichen Fertigkeiten zu vergessen, die Kontinuität zu durchbrechen...

Man muß begreifen, daß alles schon Vergangenheit ist, daß das Ende des Gesehenen und Erlebten schon eingetreten ist und nicht erst noch bevorsteht. Man muß sich frei machen von dem Gedanken, daß alles weiterhin erst angekündigt wird, bevor es in sein Dasein tritt, und die Möglichkeit einer Zeit ins Auge fassen, da alles wieder ohne vorherige Ankündigung in Bewegung ist und sich verändert.«


Aus einem Brief an Nina Tabidse, 1958

Nobelpreis

Frühling

Ich bin verloren, wie ein wildes Tier in der Treibjagd.
Irgendwo sind Menschen, Freiheit, Licht,
aber hinter mir ist der Lärm der Treiber,
für mich gibt es keinen Ausweg.

Dunkler Wald und das Ufer eines Teiches,
der Stamm einer umgestürzten Tanne.
Von allen Seiten her ist der Weg abgeschnitten.
Komme, was kommen mag, mir ist alles gleich.

Was habe ich für eine Gemeinheit begangen,
bin ich ein Mörder und Missetäter?
Ich habe die ganze Welt weinen machen
über die Schönheit meines Landes.

Aber auch so, fast am Rande des Grabes,
glaube ich: Die Zeit wird kommen,
da der Geist des Guten überwinden wird
die Kraft der Gemeinheit und der Bosheit.

Я пропал, как зверь в загоне.
Где-то люди, воля, свет,
А за мною шум погони,
Мне наружу ходу нет.

Темный лес и берег пруда,
Ели сваленной бревно.
Путь отрезан отовсюду.
Будь что будет, все равно.

Что же сделал я за пакость,
Я убийца и злодей?
Я весь мир заставил плакать
Над красой земли моей.

Но и так, почти у гроба
Верю я, придет пора -
Силу подлости и злобы
Одолеет дух добра.

berühmt

Frühling

Berühmt zu sein ist häßlich.
Nicht das ist es, was emporhebt.
Man soll kein Archiv einrichten,
nicht über Handschriften zittern.

Ziel des Schöpfertums ist Selbsthingabe,
und nicht Lärmgetriebe, nicht der Erfolg.
Es ist schändlich, ein Sprichwort in aller Munde zu sein,
ohne etwas zu bedeuten.

Nein, man muß leben ohne Usurpation,
so leben, daß man am letzten Ende
die Liebe des Raumes auf sich herbeizieht,
den Ruf der Zukunft hört.

Und Lücken muß man lassen
im Schicksal, und nicht zwischen den Papieren,
indem man die Stellen und die Kapitel
des ganzen Lebens
auf den Papieren anstreicht.

Und untertauchen muß man in Unbekanntheit
und in ihr seine Schritte verbergen,
wie sich eine Gegend im Nebel verbirgt,
wenn in ihr rein gar nichts zu sehen ist.

Andere werden auf der lebendigen Spur
deinen Weg durchschreiten Spanne für Spanne,
aber du sollst Niederlage von Sieg nicht unterscheiden.

Und du sollst nicht einen einzigen Fingerbreit
abweichen von der Persönlichkeit,
sondern sollst lebendig sein, lebendig und nichts sonst,
lebendig und nichts sonst bis zum Schluß

Быть знаменитым некрасиво.
Не это подымает ввысь.
Не надо заводить архива,
Над рукописями трястись.

Цель творчества — самоотдача,
А не шумиха, не успех.
Позорно, ничего не знача,
Быть притчей на устах у всех.

Но надо жить без самозванства,
Так жить, чтобы в конце концов
Привлечь к себе любовь пространства,
Услышать будущего зов.

И надо оставлять пробелы
В судьбе, а не среди бумаг,
Места и главы жизни целой
Отчеркивая на полях.

И окунаться в неизвестность
И прятать в ней свои шаги,
Как прячется в тумане местность,
Когда в ней не видать ни зги.

Другие по живому следу
Пройдут твой путь за пядью пядь,
Но пораженья от победы
Ты сам не должен отличать.

И должен ни единой долькой
Не отступаться от лица,
Но быть живым, живым я только.
Живым и только до конца.

Liebe

Frühling

Meine Schöne, deine ganze Gestalt,
dein ganzes Wesen ist mir nach dem Herzen,
es drängt ganz danach, Musik zu werden,
und bittet ganz um Reime.

In den Reimen aber stirbt das Geschick,
und die Disharmonie der Welten
geht als Gerechtigkeit in unsere kleine
Welt ein.

Und der Reim ist nicht die Wiederholung von Zeilen,
sondern eine Garderobennummer,
ein Talon für einen Platz bei den Säulen
in das jenseits des Grabes gelegne Getöse
der Wurzeln und Schöße.

Und in den Reimen atmet jene Liebe,
die hier nur mit Mühe zu ertragen ist,
vor der man die Augenbrauen mürrisch zusammenzieht
und die Nasenwurzel runzelt.

Und der Reim ist nicht eine Wiederholung von Zeilen,
sondern der Eintritt und der Einlaß über die Schwelle,
um abzugeben, wie den Mantel für eine Blechmarke
die schwere Last der Krankheit, die Furcht
davor, ins Gerede zu kommen, und vor Sünde
für die laute Blechmarke des Verses.

Meine Schöne, dein ganzes Wesen,
deine ganze Gestalt, du Schöne,
bedrängt die Brust und zieht [mich] fort auf den Weg

und zieht mich, daß ich singe, und - gefällt.

Polyklet hat zu dir gebetet,
deine Gesetze sind erlassen.
Deine Gesetze sind in den Fernen der Jahre.
Du bist mir von eh und je bekannt.
1931

Красавица моя, вся стать,
Вся суть твоя мне по сердцу,
Вся рвется музыкою стать,
И вся на рифмы просится.

А в рифмах умирает рок,
И правдой входит в наш мирок
Миров разноголосица.

И рифма не вторенье строк,
А гардеробный номерок,
Талон на место у колонн
В загробный гул корней и лон.

И в рифмах дышит та любовь,
Что здесь с трудом выносится,
Перед которой хмурят бровь
И морщат переносицу.

И рифма не вторенье строк,
Но вход и пропуск за порог,
Чтоб сдать, как плащ за бляшкою
Болезни тягость тяжкую,
Боязнь огласки и греха
За громкой бляшкою стиха.

Красавица моя, вся суть,
Вся стать твоя, красавица,
Спирает грудь и тянет в путь
И тянет петь, и - нравится.

Тебе молился Поликлет,
Твои законы изданы.
Твои законы в далях лет.
Ты мне знакома издавна.
1931

Tod

Tod, Sterbebett

Oh, hätte ich gewußt, daß es so ist,
als ich mich zu meinem Debüt entschloß,
daß Zeilen mit Blut - töten:
Sie strömen [wie Blut] aus der Kehle und töten!

Von Scherzen mit diesem Unterfutter
hätte ich mich mit aller Schärfe losgesagt.
Der Anfang war so fern,
so schüchtern das erste Interesse.

Aber das Alter - das ist Rom, welches
anstelle von Gequatsch und Getratsch
nicht eine Leseprobe vom Schauspieler verlangt,
sondern völligen Untergang, im Ernst.

Wenn das Gefühl die Zeile diktiert,
so schickt es den Sklaven auf die Bühne,
und hier endet die Kunst,
und es atmen der Boden und das Schicksal.

О, знал бы я, что так бывает,'
Когда пускался на дебют,
Что строчки с кровью - убивают,
Нахлынут горлом и убьют!

От шуток с этой подоплекой
Я б отказался наотрез.
Начало было так далеко,
Так робок первый интерес.

Но старость - это Рим, который
Взамен турусов и колес
Не читки требует с актера,
А полной гибели всерьез.

Когда строку диктует чувство,
Оно на сцену шлет раба,
И тут кончается искусство,
И дышат почва и судьба.

Tod

Anna Akhmatova

Frühling

Wie einen Vogel höre ich das Echo.
B.P.

Verstummt ist seine große Stimme gestern,
Die mit dem Haine sprach ein Leben lang.
Er ging zu seinen Brüdern, seinen Schwestern,
Zum Regen und zum Korn, die er besang.
Und alle Blumen fanden sich zum Reigen
Und sind dem Tod entgegen aufgeblüht.
Doch der Planet war plötzlich nur noch Schweigen,
Er, der den schlichten Namen Erde führt.
 

Как птица, мне ответит эхо.
Б. П<астернак>

Умолк вчера неповторимый голос,
И нас покинул собеседник рощ.
Он превратился в жизнь дающий колос
Или в тончайший, им воспетый дождь.
И все цветы, что только есть на свете,
Навстречу этой смерти расцвели.
Но сразу стало тихо на планете,
Носящей имя скромное… Земли.

1 июня 1960
Москва. Боткинская больница